#Gedichtbegegnung 4


J e n n i f e r    H i l g e r t


"Ich lebe, liebe und arbeite als Dichterin und Autorin in San Francisco. Wenn ich schreibe, dann denke ich nicht daran, beim Leser etwas auszulösen. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich für mich. Erst wenn ich es gehen lasse, mein Gedicht, dann ist da der Wunsch, dass sich jemand auf meinen Text einlässt. Was danach passiert, geschieht ohnehin von selbst. Darauf habe ich keinen Einfluss mehr. Erst dann wird es zur Wirklichkeit, dass ich sie berühren könnte. Die Seele eines Menschen. Wobei Seele ein großes Wort ist. Stimmt aber. Sie nur zu streifen, wäre mir zu wenig. Sie zu bewegen zu viel."


#Jennifer Hilgert im Interview

über ihr Gedicht: Wellengang


Was hat Dich bewogen an der Ausschreibung zu „TrümmerSeele“ teilzunehmen?

Hilgert: "Ein egoistisches Gefühl. Mein innerer Ballast. Weil ich verarbeiten will, was mich quält. Der Konflikt in mir, gepaart mit dem Unglauben an die Menschheit. Die Suche nach Menschlichkeit. Unbeantwortete Fragen. Das nicht enden wollende Gefühl, wie es Kindern, Frauen und Männern gehen muss, die nicht das Glück hatten, in eine scheinbar »heile Welt« hineingeboren zu werden. Die Suche nach Antworten: Warum gibt es Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen? Chancengleichheit, Gerechtigkeit, Gleichheit - warum erlebt das nicht jeder und was macht Macht? Die Vorstellung den Dramen in der Welt wenigstens irgendeine Stimme geben zu können, macht mich tieftraurig, treibt mich an und berührt mich bis zur Verzweiflung. Deswegen habe ich teilgenommen."

Ist Dein Gedicht extra für die Ausschreibung entstanden? Falls nein, erzähle uns gern, wann und in welchem Kontext Du es geschrieben hast.

Hilgert: "Es ist an dem Tag entstanden, als ich etwas in mir zum ersten Mal realisierte, dass die Welt niemals zur Ruhe kommen wird. Als ich mich mit einem Mann auf der Straße unterhalten hatte, der Tag ein Tag aus vor sich selbst zu flüchten versucht. Die Gewissheit, dass sich Leid und Erfolg gegenseitig bedingen, in welcher Form auch immer. Das zu erkennen war schräg.

Ein Ungleichgewicht wird immer bestehen und ich selbst schließe mich als Teil des Problems nicht aus, obwohl mein Wunsch ein anderer wäre. Trotz alledem will ich versuchen, menschlich zu bleiben. Für mich ist der Mensch von grundauf gut. Fehler gehören zu ihm. Auch sie sind menschlich. Diese sich einzugestehen und etwas zu verändern, seine Umwelt nicht verantwortlich zu machen, zeugt für mich von wahrer Größe.

Für mich bedeutet Menschlichkeit, nie müde zu werden, gut sein zu wollen, solange die eigene Sicherheit gewährleistet ist. Menschlichkeit verpflichtet zum Helfen, wenn jemand um Hilfe bittet. Sie bedeutet zuzuhören, wenn jemand danach fragt. Und den eigenen Egoismus selbstlos beiseite zu schieben, wenn ein anderer Schutz sucht.

In der Vorstellung einer besseren Welt gibt es für mich keine Schlechtmenschen. In einer Welt jedoch, in der Gutmenschen die Schlechten sein sollen, in solch einer Welt haben Idioten, die das denken und krakeelen und propagieren für mich keinen Platz. Das ist nicht meine Welt."

"[...]
Du sagst, die Sonne hasste dich,
als sie verschwand im Urlaubskatalog.
Ich erschrak. Zwischen Wolken
liegen keine Welten. Wir sind
eins und ich verstehe trotzdem
nichts.

Die Wahrheit reißt tiefe Narben,
verdunkelt vag den Geist der Zeit.
Hinterlässt nichts als tote Fragen,
keine Zeichen. Nichts weiter mehr.
Ich höre Schüsse in der Ferne,
flüstere: Bitte bleib! und weine auch,

weil ich den Frieden kenne.
Du nicht mehr."

Auszug aus dem Gedicht "Wellengang"

Wie hast Du Dein Gedicht (inhaltlich) konkret erstellt? Welche Gedanken hattest Du dabei im Hinterkopf? Wie hast Du Dich in die Thematik eingefühlt? Was war der Initial-Funke, der Deine Worte hat fließen lassen?

Hilgert: "Ich fühle nach wie vor eine starke Betroffenheit.
Es ist ein innerer Monolog entstanden. Mein Gefühl der Machtlosigkeit vermischte sich mit einem Gefühl von Dankbarkeit. Der eine Teil in mir, der dankbar dafür ist, den Frieden kennengelernt zu haben, traf auf den Part, der um diejenigen trauert, denen genau das genommen wurde und für die es sich lohnt etwas zu verändern.

Des Weiteren habe ich mich in die Thematik eingefühlt, in dem ich mir Fragen stellte. Möchte ich mit der Angst leben, dass Kinder, das reinste und unschuldigste Glück dieser Welt, mit Gewalt, Hass und Kriegen groß werden? Dass sie in einer Welt groß werden, die nicht die meine ist? Und: Was ist Menschen widerfahren, die hassen, die gewalttätig sind und die töten? Gönnt nicht jeder menschliche Mensch seinen Artgenossen in Frieden, Freiheit und Waffenruhe großzuwerden? Und wenn nein, wie ist eine Gewaltspirale oder ein Teufelskreis zu durchbrechen?

Wenn Dritte entscheiden, was die eigene Lebenswelt beeinflusst, wer ist dann überhaupt noch Schuld? Die, die flüchten? Oder diejenigen, die es züchten? Und wer sind überhaupt diese Dritten?

Ganz gleich: Ich fühle eine Mitschuld. Sie ist wohl mitverantwortlich und Initial-Funke für meine Worte. Die Poesie tröstet über die Tränen der Welt hinweg und schafft in meinen Gedanken eine klitzekleine Illusion der Hoffnung. Hoffnung. Ja. Das ist die Krankheit der Mutigen. "

Hat Dein Gedicht mehrere Überarbeitungen zur finalen Version erfahren? Wie (auch emotional) hart war für Dich die Arbeit daran?

Hilgert: "Sowohl ein Text, als auch ein Gedicht ist niemals beendet. Niemals fertig. Überarbeitungen kosten immer Kraft und Geduld. Gerade bei einem solchen sensiblen, die Lager trennenden Thema, ist diese Arbeit immer auch eine emotionale Herausforderung. Mein Herz klopft jedes Mal, wenn ich 'TrümmerSeele' in die Hand nehme."

Was bedeutet Dir Lyrik/Poesie und denkst Du, dass die verknappte Sprachform eines Gedichtes der Flüchtlingsthematik gerecht werden kann?

Hilgert: "Für mich ist die Lyrik/Poesie etwas, was ich tief, tief aus mir schöpfe. Es ist wie ein Fallenlassen. Ein Fallenlassen innerhalb meines Geistes. Etwas, worüber ich wirklich nachdenke, bevor ich es aufsetzte. Was mich nicht loslässt. Etwas, das mich fesselt.
Die Poesie ist alles. Auch dass, was nach der Liebe kommt. Ein Gedicht darf sich alles zum Thema machen. Somit ist es, in dem Moment, in dem es sich jemandem zuspricht, die gerechteste Sprachform der Welt. Für sämtliche Thematiken.

Poesie kann die Welt nicht verändern. Nicht verbessern. Oder heilen. Aber sie kann heilsam auf jemanden wirken, der zur Veränderung bereit ist. Derjenige, der sich angesprochen fühlt im Geiste und die Welt als Heimat allen Lebens betrachtet, trägt den Funke der Liebe in sich. Und wer den Funken der Liebe in sich trägt, der wird ohnehin auch Poesie als eine tröstendes Pflaster sehen. Oder Musik. Oder Kunst. Oder oder oder.

Ich wünsche mir, dass 'TrümmerSeele' Tränen trocknet. Mut macht. Kraft schenkt. Hoffnung gibt.

Ähnliches erwarte ich von meinen Gedichten. Sie sollen meine Aufrichtigkeit zeigen. Mein Innerstes nach außen kehren. Eine Brücke anbieten.
Insbesondere »wellengang« soll einen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte leisten. Es ist mein Beitrag. Für mich ist Poesie/Lyrik mein Beitrag. Nicht zu vergessen, dass ich eine große Hochachtung und meinen grenzenlosen Respekt denjenigen gegenüber zolle, die tagtäglich ihren Beitrag, anderweitig, nicht mit Worten, sondern mit anderen Taten leisten. Alle, die für das Gute »kämpfen«, ohne zu verletzen, die handeln. Im Sinne der Menschlichkeit. Jeder, der im Sinne der Menschlichkeit handelt, trägt zur Liebe bei. Und das braucht die Welt wirklich!"


Danke an Jennifer Hilgert für den Einblick in die Entstehung des Gedichtes "Wellengang" aus dem Buch "TrümmerSeele". Mehr über die Dichterin erfahrt Ihr auf ihrer Homepage:
www.schriftverkehr.net